Mittwoch, 28. November 2007

Subjektiver Arbeitsbericht

Bisher dachte ich immer, dass sich meine Arbeit mit so steifen Worten wie "kreative Beschäftigung geistig Behinderter" beschreiben lässt. Ich bin mir da nicht mehr so sicher...

In regelmäßigen Abständen kommt es vor, dass Basia in einem anderen Teil unserer Organisation etwas erledigen muss, manchmal für einen halben Tag, manchmal aber eben auch für einen ganzen. So wie heute.
Für mich bedeutet das: Schon 9 Uhr zur Galerie watscheln, den Rolladen vor der Tür hochfahren (coole Sache - fühlt sich an, als ob ich Ladenbesitzer wäre), die Tür aufschließen und die leere Galerie betreten. Dann warten, bis alle so langsam eingetrudelt sind und dann einfach mal so 6 Stunden Beschäftigung in Form von möglichst kreativen Ideen aus dem Ärmel schütteln. Ich hätte nie gedacht, dass das so schwer ist, ehrlich!
Das tückische an der ganzen Sache: Die Galerie scheint eine Mischinstitution für Teenager, gesitig Behinderte und Menschen mit psychischen Störungen sein. Na Prost Mahlzeit. Ich freu mich ja ehrlich, dass Basia mir zutraut mit der Rasselbande allein zu bleiben, aber manchmal ist das wirklich "bardzo trudne" (sehr schwierig)!
Ein paar erklärende Episoden:
Da hab ich mir doch in den Kopf gesetzt mit meinen Herzchen einen Adventskalender zu basteln. Möchte mal jemand halb Polnisch, halb Englisch erklären, wie dieses Gebilde ausschauen soll, was man dafür braucht und das es nicht Sinn der Sache ist, wenn Agnieszka vier ihrer sechs Bildchen mit einem Tannenbaum und Weihnachtsgeschenken bemalt? Pani Wojtko arbeitete wie immer ganz gut, aber es war offensichtlich, dass es ihm wesentlich mehr Freude gemacht hatte mir Zeitungspapier zum Einpacken von Töpferwaren zu reichen, als kleine Engelchen mit Pastellkreiden zu malen. Marcin ist grundsätzlich eher schwer zum Arbeiten zu bewegen und mein "Marcin, pracujesz?" und "Marcin, co robisz?" geht mir mittlerweile schon selbst auf den Kranz. Ewa musste die ganze Zeit demonstrieren, dass sie unglaublich müde ist - toll, noch so eine hochmotivierte Persönlichkeit! Und Agnieszka arbeite zwar fleißig, hatte aber auch, wie immer, das Bedürfnis alle Anweisungen, die ich Marcin gegeben hab, noch mal in so richtig garstigem Ton zu wiederholen. Super, und wie weist man sie da jetzt auf Polnisch drauf hin?
Als Marcin innerhalb von 20 Minuten ungefähr zum fünften Mal vom Platz aufgesprungen war, stellte ich ihn vor die Wahl: Galerie sauber machen oder sich sinnvoll beschäftigen - ich hab ihn ja nicht einmal dazu gezwungen meine Adventskalender - Idee zu unterstützen. Daraufhin guckte er mich mit einem nicht zu definierenden Grinsen an und meinte: "Are you nervous?" What??? "No, I'm angry with you!". Es folgt eine unserer Diskussionen, an deren Ende er zwar sagt, dass es ihm leid tut, aber es ändert sich eben auch nichts. Und das Schlimmste: Eigentlich kann er ja gar nichts dafür! Denn Marcin ist nicht nur geistig behindert, sondern in erster Linie psychisch gestört. Super! Und wie soll ich jetzt damit umgehen? Was macht man, wenn sich eins seiner Schäfchen im Bad einschließt und sich 15 Minuten (und das ist ausnahmsweise mal keine meiner Übertreibungen) die Hände wäscht? Dann kam er raus, mit knallroten und eiskalten Händen und als er wieder am Tisch saß, erklärter er mir (übrigens nicht zum ersten Mal), dass er krank sei und das es ihm wehtun würde, aber das er wirklich nicht damit aufhören könne.
So sieht's aus auf meiner Arbeit. Grad befürchte ich, dass ihr ein falsches Bild von meinem Leben als EVSler bekommt, aber hey, eigentlich mach ich den ganzen Spaß ja gern. Nur die Tage, wo man genau weiß, dass man komplett auf sich allein gestellt ist und 6 Stunden lang niemanden zum Reden hat, die sind schwierig, das muss ich zugeben.

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